Von Patriarchen, Titanen, Ausbeutern und Zukunfts-
gestaltern

STUDIE

War das schon immer so? 

Unternehmer*innen gibt es, seit es Märkte gibt, also schon Tausende von Jahren. Der Begriff des klassischen Unternehmers als eine Schlüsselfigur der Wirtschaft kommt in Deutschland jedoch erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert mit ihrer klaren Klassen- und Rollenverteilung auf. Genauso alt sind die Vorurteile, positive wie negative, die mit dem bis in die Achtzigerjahre hinein rein männlichen Unternehmerbild verbunden werden. Industrialisierung, Einführung der sozialen Marktwirtschaft, der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft – die Aufladung des Unternehmerbegriffs mit Bedeutung steht immer im Kontext großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Aller gravierenden Umwälzungen zum Trotz haben die Vorurteile eine erstaunliche Haltbarkeit. Wie kommt das? 

 

Der geborene Unternehmer ist ein Patriarch – und ein Ausbeuter?

Der Unternehmer des späten 19. Jahrhunderts ist im Gegensatz zu den passiven Kapitalisten oder Investoren aktiver Gestalter des Wirtschaftslebens, der Verantwortung und ein besonderes Risiko übernimmt. Bei Max Weber stammt der erfolgreiche Unternehmer aus einer ebensolchen Familie und wird in seine Rolle samt benötigter Fähigkeiten hineingeboren. Die neue historische Schule der Nationalökonomie verklärt den Unternehmer als „Motor des wirtschaftlichen Wachstums“ bereits zum Universalgenie. Eisenbahnbau, Stahlbau und Maschinenbau benötigen Massen an Arbeiter*innen.

 

Für sie sorgt väterlich der Patriarch, der sein Großunternehmen samt Arbeiterschaft als Erweiterung seiner Familie betrachtet. Wo Werkssiedlungen entstehen, hat er das Sagen bis weit in viele private Belange hinein. Wo es keine Werkswohnungen gibt, wird er für die prekären Lebensbedingungen der Arbeiter*innen verantwortlich gemacht. Das ist die andere Seite: Der Unternehmer verkörpert „das hässliche Gesicht des Kapitalismus“. [Gröschl/Welter 2016 und Berghoff 2016]

 

Titanen im Innovationsmodus

Joseph A. Schumpeter, Pionier der Erforschung des Unternehmerischen, unterscheidet drei Typen: Als Eigentümer-Unternehmer ist der Kaufmann und Industrielle „Kapitalist und schöpferischer Unternehmer in einer Person. […] Er verkörpert und erstrebt bürgerliche Wohlanständigkeit, Geschäftstüchtigkeit, Lebensform […] Sein Eigeninteresse ist vor allem an der Fürsorge für Gegenwart und Zukunft der Familie und an irrationaler Liebe zur Firma, sein soziales Gefühl am Moment der freiwilligen Fürsorge orientiert.“ Der Typ des modernen Industriekapitäns ist „frei von Attributen nichtökonomischer Motive“ und steht für die „neue Ökonomie der Konzerne und Kartelle im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts“.

 

Als dritten Typus sieht Schumpeter den Direktoren aufsteigen. Mit den zugeschriebenen Eigenschaften ist er aus heutiger Sicht der Typ des Managers. Er konstatiert in Deutschland eine überwiegend skeptische und ablehnende Haltung gegenüber Unternehmern, auch unter Intellektuellen. [Petzina 2008]. Schumpeter will wissen, wie Wachstum entsteht, und macht in seiner Theorie den Unternehmer als Innovator aus. Was ihn auszeichnet, ist die strategische „Entscheidung, Ressourcen für die Umsetzung von Innovationen einzusetzen“. Unternehmertum ist kreatives Verhalten, das nur wenige können. [Berghoff 2016]

Das stereotype Bild in der Bevölkerung ist gefährlich. Es steht in einem krassen Gegensatz

zu den Hoffnungen, die Politik

in unternehmerische Innovationen zur Überwindung der gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft setzt.

Unternehmer sind immer „die Anderen“

„Die Unternehmer zählten in den vergangenen 50 Jahren niemals zur gesamtgesellschaftlichen ,Wir‘-Gemeinschaft, sondern sie repräsentieren bis heute immer ,die Anderen‘.“
[Neue Väter 2005] 

 

Dennoch ist das Bild immer abhängig von der Gesamtentwicklung im Land: Wenn es gut läuft, ist die Akzeptanz größer: Unternehmer werden dann auch als Hoffnungsträger, Wirtschaftsmotor und Leistungsträger bezeichnet, die Ideen entwickeln und Risiken übernehmen. Wenn es schlecht läuft, sind sie für alles der Sündenbock. Latent stabil bleibt die Ansicht vom Ausbeuter, dem Gewinn über alles geht. Das Institut für Demoskopie in Allensbach befragt seit den Sechzigerjahren die Bevölkerung nach ihrem Unternehmer*innenbild: „Von Mitte der 60er Jahre bis 1970 fand knapp die Hälfte der Befragten, dass Unternehmer nur an ihren Gewinn denken; in den folgenden zehn Jahren hellte sich das Bild leicht auf, 1978 stimmten nur noch 41 Prozent dieser Feststellung zu, 1980 waren es 39 Prozent. Von der zweiten Hälfte der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre sah wieder knapp die Hälfte aller Befragten Gewinnstreben als das entscheidende Merkmal des Unternehmertums.“
[Neue Väter 2005] 

 

Verstärkt wird diese Distanz von zunehmend geringer Differenzierung zwischen Managern und Eigentümer-Unternehmern und dem damit verbundenen negativen Imagetransfer – Stichwort: „Heuschrecken“. 

 

Unternehmer*innen als potenziell andere/neue „Role Models“ sind zwar nicht mehr komplett unsichtbar, werden aber erst ab den Achtzigerjahren erforscht und sind nach wie vor unterrepräsentiert – von diversitätsgeprägten Bildern ganz zu schweigen. Zehn Jahre nach der Deutschen Einheit zweifelt eine Mehrheit der Bevölkerung daran, dass Unternehmer die langfristigen Folgen ihres Handelns bedenken und soziale Verantwortung übernehmen.
[Bijedic/Wolter 2000] 

 

Es ist Zeit für eine neue Mission des Unternehmertums: Die Rettung der Welt

Das stereotype Bild in der Bevölkerung ist gefährlich. Es steht in einem krassen Gegensatz zu den Hoffnungen, die Politik in unternehmerische Innovationen zur Überwindung der gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft setzt, sei es Klimawandel oder Krebs. Es ist zu hoffen, dass die Covid-19-Pandemie hier ein neues Kapitel einleitet: Hin zu einem Unternehmer*innenbild, das unternehmerisches Handeln in seiner zukunftsgestaltenden Funktion als Anliegen und Aufgabe für alle begreift.