Das Paradox des Unterneh-
mer*innen-
bildes

STUDIE

Die deutsche Unlust, etwas zu unternehmen

Die Deutschen sind einundvierzigster von dreiundvierzig im Global Entrepreneurship  Monitor (siehe Glossar). Nach uns kommen nur noch Polen und Italien, wenn es um die unternehmerische Aktivität geht. Wir wollten wissen, was das vielfach gescholtene Unternehmer*innenbild damit zu tun hat. Unsere These war: sehr viel. „Man möchte einen Beruf haben, den man einerseits gut kann und der den eigenen Fähigkeiten entspricht, zum anderen aber auch dafür bewundert werden und hoch angesehen sein. Der Arztberuf hat davon über lange Zeit entscheidend profitiert. Für den Beruf des Unternehmers gilt das Gegenteil.“ [Bachmeier 2018]

 

Sehnsucht nach einem positiven Bild

Tatsächlich finden wir keine euphorische Positivbewertung „des Unternehmers“ in den Antworten der Befragten über alle Befragungsgruppen. Aber das Bild ist durchaus differenziert. Das Unternehmer*innen-Image ist nicht so negativ, wie es die mediale Inszenierung durch Tatort und Co., der wir in Kapitel drei nachgehen, vermuten ließe. Tatsächlich geben die Betroffenen eines Negativurteils, die Unternehmer*innen selbst, den höchsten negativen Wert an. Hier zeigt sich die Sehnsucht nach einer positiven Bewertung und auch die Last, die Unternehmer*innen mit der Abwehr von Vorverurteilungen und Vorurteilen haben. 

 

Ist Profit böse?

Auch wenn nur 20 Prozent der befragten Student*innen in Unternehmer*innen Ausbeuter*innen vermuten, können wir das von den meisten Unternehmer*innen vermutete negative Bild in anderen Werten bestätigen. Insbesondere wenn wir in Betracht ziehen, dass gerade diese Einstufungen der Hintergrund für viel laute Selbstinszenierung gegnerischer Gruppen sind. Tatsächlich ist die Begründung für alles Böse, was man „dem Unternehmer“ zuschreibt, die ihm unterstellte Motivation, Profit zu erwirtschaften. 

 

Wir finden daran anschließend auch eine Reihe von Positivbewertungen der Unternehmer*innen, die insbesondere ihre Charaktereigenschaften betreffen, die sie brauchen, um den Mut und das Durchhaltevermögen zu haben, zu gründen und ein Unternehmen auf Kurs zu halten. Diese Eigenschaften führen aber leider nicht zu einer höheren Attraktivität des Unternehmertums, sondern schrecken eher ab (siehe Kapitel sieben).

 

Alle guten Eigenschaften, die Unternehmer*innen haben müssen, um erfolgreich zu sein, werden als eine große Hürde angesehen. Hier können wir feststellen, dass die Bemühungen um das Unternehmer*innenbild zwar schon Wirkung zeigen, aber leider nicht mit einer positiven Beeinflussung der Gründungsquote. Im Gegenteil, sie verstärken die Entfremdung der Nicht-Unternehmer*innen von den Unternehmer*innen noch weiter.

Tatsächlich ist die Begründung für alles Böse,
was man „dem Unternehmer“ zuschreibt, die ihm unterstellte Motivation, Profit zu erwirtschaften. 

Niemand will Unternehmer*in SEIN. 

Der Grund dafür lässt sich aus unseren Befragungsergebnissen sehr deutlich ableiten: Es ist nicht (nur) das Unternehmer*innenbild, das sich negativ auswirkt, vielmehr findet sich ein sehr unattraktives Bild vom Unternehmer*in-SEIN: Eine hohe Verantwortung, starke Belastung und Gefährdung des Familienlebens sowie ein hohes Risiko werden mit dem Berufsbild des Unternehmers/der Unternehmerin verbunden. Gerade die befragten Student*innen verbinden mit dem Unternehmer*in-SEIN einerseits Stress und Risiko, andererseits verwaltende und leitende Tätigkeiten. Entsprechend unattraktiv ist es dann auch angesichts eines Arbeitsmarkts, der um Fachkräfte wirbt, für sich selbst den Weg einzuschlagen. Das wirkt sich auch in Kreisen aus, die ein realistischeres Bild haben.

Wenig Freizeit, ein hohes -Risiko und viel Verantwortung sind die Kennzeichen des Unternehmer*in-SEINS, so sehen es diejenigen, die selbst nicht unternehmerisch tätig sind. 

Interessanterweise stimmen dem die Unternehmer*innen zwar zu, aber sie erleben das nicht als negativ. Viel Arbeit, wenig Freizeit empfinden sie nicht als Belastung, sondern als etwas, das ihnen ihre eigene Schaffenskraft erlebbar macht, als etwas, das Spaß macht und durch viel Freiheit und Selbstbestimmtheit aufgewogen wird. Hier liegt der entscheidende Schlüssel zu einer besseren Gründerquote. Was bislang nie im Fokus von Untersuchungen stand, ist die Attraktivität des Unternehmer*in-SEINS. 

 

Ist Freizeit besser als Arbeit?

Eine ebenso gegenläufige Beurteilung stellen wir fest, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Bevölkerung, Student*innen und Schüler*innen denken, dass es für Unternehmer*innen schwieriger ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Die befragten Unternehmer*innen sehen das anders, viele haben diesen Weg sogar genau deshalb gewählt, weil sie damit verschiedene Ansprüche ihres Lebens in Ausgleich bringen können. Die Unternehmerinnen nennen die Vereinbarkeit mit der Familie sogar häufig als einen Grund für die Unternehmensgründung, da die Vereinbarkeit durch mehr Flexibilität und Freiheiten bei der Zeiteinteilung viel einfacher ist.

 

Unternehmer*innen selbst erleben eine Stigmatisierung ihrer Lust an der Arbeit. 

Sie müssen sich rechtfertigen. Das führt zu einem wachsenden gegenseitigen Unverständnis und weiterer Entfremdung der Gesellschaft vom Unternehmertum. „Unsere Gesellschaft ist träge geworden. Es gibt immer mehr, die möchten eigentlich wirklich nur fünfunddreißig Stunden oder weniger arbeiten. Als Unternehmer*in kommt man mit vierzig Stunden natürlich nicht aus. Arbeit wird als etwas Negatives empfunden. Es heißt ,Ich muss arbeiten‘. während Freizeit als positiv wahrgenommen wird, obwohl viele Leute sich langweilen, wenn sie Freizeit haben und dann ihr Handy zücken oder was auch immer tun.“
[Dr. Philipp Murmann, Präsident Unternehmerverband NORD]

Unternehmer*innen vermuten ein signifikant schlechteres Image ihres Berufes in der Gesellschaft. Das führt zu einem verringerten
Sendungsbewusstsein. 

Die subjektive Wirklichkeit der -Verantwortung

Eine weitere Beobachtung, die mehrere Expert*innen mit uns geteilt haben, ist eine wachsende Scheu vor der Übernahme der großen Verantwortung, die mit dem Unternehmertum verbunden wird. Diese Verantwortung wird von beiden Seiten komplett konträr beschrieben: Sowohl Unternehmer*innen empfinden sie, sie wird aber auch von Expert*innen und den Befragten aus der Bevölkerung so wahrgenommen. Allerdings erleben die befragten Unternehmer*innen diese Verantwortung nicht in erster Linie als Last. Von den Nicht-Unternehmer*innen wird gerade aber die hohe Verantwortung als eine abschreckende Last beschrieben. 

 

Man ist sich also einig: Unternehmertum bedeutet viel Verantwortung. Aber aus Sicht der Unternehmer*innen ist die Verantwortung nicht in erster Linie eine Last, sondern eher ein Antrieb, der häufig schon im Jugendalter einsetzt: Wer, wenn nicht ich? Diese Frage stellen sich Gründer*innen am Anfang ebenso, wie Unternehmer*innen es stetig tun.  Ebenso widersprüchlich ist die Beurteilung der Unternehmer*innen als „Leute, denen die Sonne auf den Arsch scheint“, während das Unternehmer*in-SEIN abgelehnt wird, weil der Lohn für die viele Arbeit als zu niedrig und die Erfolgsaussichten als zu gering eingestuft werden. Man sieht die Vorteile auf Seiten der Unternehmer*innen, wenn es um die Beurteilung einer Klasse geht, aber man sieht dieselben Vorteile nicht für einen potenziellen eigenen Werdegang als Unternehmer*in. 

Das Unternehmer*innenbild ist so realitätsfern, dass das Unternehmer*inSEIN als realisierbare  Zukunftsperspektive kaum infrage kommt.

Eine ähnliche, aber umgekehrte Paradoxie haben wir in den Unternehmer*innen-Interviews erlebt. Gerade junge Unternehmer*innen haben oft ein sehr negatives Unternehmer*innenbild und nennen sich selbst deshalb nicht „Unternehmer*in“, erleben dafür aber ihr eigenes Unternehmer*innenSEIN als etwas absolut Positives.

 

Es ist, als lebten beide Gruppen nicht in derselben Welt. Der Unterschied der Wahrnehmung und der Unterschied in der Bewertung bestimmter Faktoren wie Freizeit und Geld könnte nicht abweichender sein. Es geht hier also um mehr als die Vermittlung eines besseren Unternehmer*innenbildes. Bachmeier diagnostiziert in seinem Buch einen Bruch zwischen Unternehmen und Gesellschaft, den er in der Persönlichkeit der Unternehmer*innen verortet. Dieser „möchte seine Ziele erreichen, seine Vision erfüllen, Mitarbeiter führen und den Markt beeindrucken. […] Er hat eine offensive Grundhaltung. Vieles davon ist notwendig oder zumindest erleichtert es das Unternehmersein sehr. Fast alles davon lässt den Unternehmer aber auch als ein sperriges und knorriges Individuum erscheinen, das als abgehoben, selbstbewusst oder auch geheimnisvoll verschlagen empfunden werden kann.“ 

 

Wenn es nicht gelingt, Unternehmer*innenbild und das Bild vom Unternehmer*inSEIN beider Gruppen zu synchronisieren, ist ein Anstieg der Gründungsquote kaum zu erreichen.